Im Jahre 1527 heiratete ein Graf von Gleichen eine Tochter der von Rußwurm. Da das Geschlecht ohne männlichen Nachfolger war, wurde der Name mit dem Besitz zusammen weitervererbt. Von 1658 an lebte auf Schloß Greifenstein ob Bonnland eine Herrschaft, die sich von Gleichen-Rußwurm nannte. Sie rühmten sich, Nachkommen jener legendären Ehe eines Kreuzritters ihres Stammes mit einer Sarazenentochter zu sein.
Ludwig Bechstein berichtet darüber in seinem "Deutschen Sagenbuch: Das Gleichen'sche Doppelbett"
Auf der Wegmitte zwischen Stadtilm und Rudolstadt liegt das Dorf Ehrenstein, daselbst sind noch die Trümmer einer Burg vorhanden, welche den Grafen von Gleichen gehörte. Jene Sarazenin, die Graf Ernst von Gleichen im Morgenland aus den Sklavenketten befreite, und die er als zweite Gemahlin der noch lebenden ersten zuführte, soll diese Burg als Witwensitz erhalten haben. Man zeigt noch ein altes geräumiges Himmelbett, darin jener Graf in der Mitte seiner Frauen geschlafen haben soll."
Im Dom zu Erfurt befindet sich das Grabmal aus buntbemaltem Sandstein. Der Graf, ein kräftiger Mann in Ritterrüstung, die braune Frau aus dem Morgenland zeigt mit ihrer rechten Hand nach dem Herzen und läßt die linke auf ihrem Leib ruhen, während die blonde Frau, seine "Erstgemahlin", in der rechten Hand ein Buch hält und die linke ebenfalls auf dem Leib ruhen läßt. Nach den geschichtlichen Urkunden war der Graf in Wirklichkeit zweimal kinderlos verheiratet gewesen und wollte mit seinen ihm gleich lieben Frauen vereint im Grabe ruhen. Das Beispiel solch eines Grabmals steht nicht einsam da. In der Ruhestätte der Henneberger in Schleusingen gibt es gleich zwei solcher Doppelbeweibten, die Grafen Georg Ernst und sein Bruder Poppo stehen ebenfalls zwischen ihren beiden Gemahlinnen. Das ungewöhnliche breite Doppelbett war jedenfalls bis 1813 auf der Gleichenburg zu sehen. Es wurden viele Holzsplitter von Liebespaaren herausgeschnitten, Holz von solch einem kuriosen Bette sollte gegen Eifersucht schützen! Das Bett stammte jedoch nicht aus der Zeit der Kreuzzüge, sondern gehörte einem Nachfolger jenes alten Geschlechtes, welcher, ebenso wie seine Gattin so ungewöhnlich beleibt war, daß er solch ein Riesenbett benötigte. Die sonst als so galant geltenden Franzosen verheizten es nach der verlorenen "Völkerschlacht bei Leipzig auf ihrem Rückzug. Hätten die Soldaten die Sage gekannt, die sich um das Bett knüpfte, sie würden es bestimmt als Beutestück mit nach Frankreich genommen und es in Paris in das Museum des Bettes gebracht haben, wenn es ein solches dort überhaupt gibt!
War ihr Geschlecht durch eine Sage berühmt geworden, lebten die leiblichen Nachkommen ein verborgenes und ganz gewöhnliches Leben auf ihrem ebenso verborgenen Landsitz Greifenstein. Alexander von Gleichen-Rußwurm schildert in seinem 1909 erschienenen Buch "Geselligkeit, Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1789-1900< dieses einfache Leben, wie es hunderte von Landedelleuten lebten: "Voltaire schildert im satirischen Roman Candide das westfälische Schloß Thundertentronkhs, das dem besten der Barone gehört, und hat damit die gesellschaftliche Kulturstufe des deutschen Adels ziemlich genau umrissen. Wer in Familienarchive Einblicke nehmen konnte und aus den Briefen der Revolutionszeit auf den Charakter, die Sitten und Umgangsformen der vergangenen Geschlechter schließt, muß erstaunen über den seltsamen Widerspruch, in den philosophische Einflüsse, französische Moden und angestammtes Herrenbewußtsein die deutschen Edelleute verwickelte. Nicht reich genug, um ihr Leben nach dem Muster der welschen Nachbarn einzurichten, von denen sie in Taschenbüchern und Kalendern lasen, nicht gebildet genug, um den rauhen Ton des Althergebrachten vollständig abzustreifen, saßen sie auf ihren Schlössern und kämpften vergebens gegen die hereinbrechende Macht des kleinfürstlichen Despotismus. Ihre gesellschaftlichen Freuden bestanden in Familienfesten, großen Jagden, bei denen es hoch herging und bei denen vielfach die Gäste, wenn sie aus Versehen einen Ausdruck der Jägersprache unterließen - zum Beispiel Ohren statt Löffel von Hasen sagten - zum Gaudium der ganzen Gesellschaft ihre Tracht Prügel bekamen.
Wenige der eingesessenen Edelleute gingen freiwillig an die Höfe, viele nahmen in der Jugend Kriegsdienst und abenteuerten in den Truppen der verschiedensten Fürsten. Als die Flüchtlinge der französischen Revolution sich über ganz Deutschland verbreiteten, drangen ihre feineren Sitten auch in das flache Land, und was in Paris der allgemeine Umsturz begrub, blühte wie ein in fremden Boden versetztes Pflänzchen in der Kindererziehung deutscher Edelhöfe. Gern vertraute man den heimatlos gewordenen Tanzmeistern und Gouvernanten die Ausbildung der wilden Jugend an. Es hat natürlich Ausnahmen gegeben, reiche Schlösser, auf denen fürstlicher Prunk herrschte und einfachere, deren Bewohner in Literatur und liebenswürdigem Dilettantismus Ersatz für die geräuschvollen Freuden der Residenzen fanden. Doch auf schlechten Wegen rasselten schwerfällige Fuhrwerke so langsam durch das Land, daß ein Verkehr, wie ihn Madame Recamier in Clichy, Frau von Stael in Coppet aufrecht erhielt, selbst in begünstigten Gegenden schwer möglich schien. So zog auch auf Schloß Greifenstein der Geist eines verfeinerten Lebens ein. So berichtet Karoline Schiller über den späteren Gatten ihrer Schwester Emilie, Adalbert von Gleichen-Rußwurm:
"Der Baron Gleichen, mit dem wir, sowie mit seiner damaligen Braut, in geschwisterlicher Freundschaft aufgewachsen waren, gehörte zu unserer beinah täglichen Gesellschaft... Er studierte alle philosophischen Systeme, um über die ewigen Fragen der Menschheit Antwort zu finden. Sein Glaube wurde von seinem Scharfsinn gestört; er lebte immer im Zweifel. Unsere Gespräche betrafen meistens Gegenstände der Metaphysik; ich wünschte Oberzeugung für meinen Freund. Schiller mußte sich uns ergeben, wenn er auch oft nach einer anderen Richtung strebte und dringend bat, die Metaphysik für einige Tage ruhen zu lassen ...(
Wollen wir verfolgen, was Zeitgenossen über Emilie Schiller, der späteren Freifrau von Gleichen Rußwurm berichteten. Henriette Herz, die Freundin Schleiermachers und Schlegels, hielt im Berlin des frühen 18.Jahrhunderts einen literarischen Salon geöffnet:
"Schillers äußeres war jedenfalls bedeutender (als das von Goethe!). Er war von hohem Wuchse, das Profil des oberen Teiles des Gesichtes war sehr edel; man hat das seine, wenn man das seiner Tochter, der Frau von Gleichen, ins Männliche übersetzt. Aber seine bleiche Farbe und das rötliche Haar störten einigermaßen den Eindruck. Belebten sich jedoch im Laufe der Unterhaltung seine Züge, überflog dann ein leichtes Rot seine Wangen und erhöhte sich der Glanz seines blauen Auges, so war es unmöglich, irgend etwas Störendes in seiner Erscheinung zu finden. -<Johann Heinrich Voß, der Dichter der "Luise< und übersetzer des "Homer<:
"Wie habe ich den Schiller wiederum von andern nicht bloß liebenswürdigen, sondern ehrwürdigen Seiten kennengelernt, was er war als Gatte und Vater. Wie konnte er seine Kinder herzen und küssen und mit ihnen spielen, sich mit ihnen auf der Erde wälzen; nie vergesse ich den innigen Blick, den er manchmal auf seine jüngstgeborne Emilie warf. Es war, als konnte er sein ganzes Glück nicht ausschöpfen, was er in ihrem Besitze empfand, mit solcher Wehmut, Freude, und Innigkeit hingen seine Augen auf ihrem Anblicke. Das Töchterlein ist ein gar holdseliges Geschöpf, es sieht schon so klug und verständig aus, zart und von schöner Gesichtsbildung. Die Taufe wollte dem Mädchen gar nicht behagen; es war recht froh, als sie vorbei war.<
Weimar, 28. April bis 8. Mai 1805
"Als sein Bewußtsein zurückkehrte, ließ er sein jüngstes Kind bringen. Er wandte sich mit dem Kopfe um, nach dem Kinde zu, faßte es an der Hand und sah ihm mit unaussprechlicher Wehmut ins Gesicht. Dann fing er an, bitterlich zu weinen und steckte den Kopf ins Kissen und winkte, daß man das Kind wegbringen möchte. Da ahnte ihm, wie bald er sich von dem Engel trennen sollte, - und in vierundzwanzig Stunden war sein edles Herz gebrochen.<
Auch in dem Bericht seiner Tochter Karoline bricht die Liebe Schillers zu seiner jüngsten Tochter Emilie durch, die er ihr noch auf dem Totenbette entgegenbrachte: "Er verlangte, man solle den Vorhang öffnen, er wolle die Sonne sehen. Seine Kinder verlangte er selten zu sehen. - Die jüngste Tochter, die man ihm noch am achten, morgens, gebracht, hatte er mit Wohlgefallen und Freude betrachtet..
Bonnland wurde im Jahre 780 erstmalig urkundlich erwähnt. In den Urkunden tauchen die Namen vieler Geschlechter der Ritter von Bonland auf, bis um 1320 die Freiherren von Thüngen in die Geschichte des Ortes eintreten. Die Bruder Andreas, Albert und Lutz erbauten 1331 die in der Nahe gelegene Reußenburg.
Während des großen Bauernkrieges, 1525, nahmen sich die Aufständischen besonders die Thüngenschen Burgen vor. Greifenstein und Reußenburg wurden zerstört, nur die Burg Kilianstein oder Sodenburg trotzte allen Angriffen. Kaspar von Thüngen, der Besitzer von Greifenstein, hatte sich auf Sodenberg geflüchtet und war so der Rache der Bauern entkommen.
1568 zog Philipp III. von Thüngen nach dem Greifenstein, den die Bauern in Fronarbeit als neuen Schloßbau errichten mußten. Um diese Zeit wurde Bonnland evangelisch.
Der 30jahrige Krieg wurde Für Herrschaft und Ort in der Hinsicht bedeutungsvoll, daß Julius Albrecht von Thüngen so verschuldete, daß Bonnland nach seinem Tode an Generalmajor Hans Georg von Rußwurm verkauft wurde. Am 3. Mai 1658 wurde die Verkaufsurkunde unterzeichnet.
Kriegsfolgen und Seuchen ließen das Dorf auf 12 bewohnte Bauernhöfe zusammenschrumpfen, erst 1686 gab es wieder 40 Nachbarn.
1796 zogen die Franzosen durch das Dorf und plünderten es, eine Seuche raffte 169 Stuck Vieh hinweg.
Während der Napoleonischen Kriege von 1805 - 1814 mußte die kleine Gemeinde 6926 Gulden für Kriegslasten aufbringen.
1822, 1823 setzte sich die Bevölkerung Bonnlands zusammen aus sechs ganzen, zwölf halben Bauern, 15 Söldnern, sechs Hintersassen und elf Judenfamilien.
1866 zog die Division Goben durch Bonnland. Die auferlegten Lasten wurden durch die Fürsprache Ludwigs von Gleichen-Rußwurm auf die Hälfte ermäßigt.
Als im Jahre 1893 das bayerische Kriegsministerium den Truppenübungsplatz Lager Hammelburg einrichtete, mußten alle umliegenden Dörfer Land abtreten. Die meisten ließen es zur Zwangsenteignung kommen, nur Bonnland trat von seinen 950 Tagwerken Land 430 freiwillig ab. Die Belohnung war ein Entgelt von einer Mark für ein Tagwerksdezimal. Die Landabtretung bewirkte in allen Dörfern eine Bevölkerungsabnahme. Nach 1918 erhielt das Dorf vom Reichsschatzministerium seinen alten Markungsteil pachtweise zurück.
1938 hieß es:
Der Ausbau unserer Wehrmacht erfordert eine Vergrößerung des Truppenübungsplatzes. Deswegen müssen die zwei Dörfer Bonnland und Hundsfeld umgesiedelt werden und die Bewohner dem Vaterland das große Opfer bringen, die Heimat zu verlassen.
Die meisten Bauern von Bonnland bekommen in Wässerndorf, in bester Lage Mainfrankens, stattliche Erbhöfe, wahrend sich verschiedene frei ankauften. Mit dem 1. Apri11938 hört somit die Gemeinde Bonnland auf zu bestehen.
Ich erzähle eine Begebenheit, die vielen unglaublich erscheinen wird, von der ich aber großenteils selbst Augenzeuge war. Den wenigen, welche von einem gewissen politischen Vorfalle unterrichtet sind, wird sie - wenn anders diese Blätter sie noch am Leben finden - einen willkommenen Aufschluß darüber geben; und auch ohne diesen Schlüssel wird sie den übrigen, als ein Beitrag zur Geschichte des Betrugs und der Verirrungen des menschlichen Geistes, vielleicht wichtig sein. Man wird über die Kühnheit des Zwecks erstaunen, den die Bosheit zu entwerfen und zu verfolgen imstande ist; man wird über die Seltsamkeit der Mittel erstaunen, die sie aufzubieten vermag, um sich dieses Zwecks zu versichern. Reine, strenge Wahrheit wird meine Feder leiten; denn wenn diese Blätter in die Welt treten, bin ich nicht mehr und werde durch den Bericht, den ich abstatte, weder zu gewinnen noch zu verlieren haben.
Friedrich Schiller: Der Geisterseher , Einleitung
Es war im Sommer 1937, als sich in Berlin ein Schriftsteller in die Lektüre von Schillers Geisterseher vertiefen wollte. So oft er es auch versuchte, er kam nicht über die erste Seite hinaus. Hatte er die Worte "und werde durch den Bericht, den ich abstatte, weder zu gewinnen noch zu verlieren haben" gelesen, stieg vor ihm eine Ortschaft auf, über der sich ein altes Schloß erhob. Ein kleiner Hügelvorsprung, da stand das Schloß und unten in einem winzigen Tal drängten sich ein paar Dutzend Hauser um den Kirchturm. Das Schloß selbst verschwamm nicht in dieser Vision, sondern lag verborgen hinter dem Grün alter Bäume. Blumenberankt war der ganze Hügel, auf dem der alte Bau stand. Plötzlich verschwand diese Sommerpracht und Schneeflocken tanzten auf diese verträumte Welt herab. Die Glocken der Dorfkirche läuteten und eine Schar Nonnen zog durch den Ort, den Hügel hinauf zum Schloß.
Einige Tage darauf .besuchte ihn ein Kollege, dem das verstörte Wesen seines Freundes auffiel. Er hörte sich die Geschichte geduldig an und meinte nach dem Ende der Erzählung, diese Ortschaft mit dem Schloß würde er kennen.
Wenn an stürmischen Herbsttagen der Wind durch die Fugen des Quaderwerks von Schloß Greifenstein saust, singt er in gleichmäßig hohen Tönen durch die Räume und Gänge. Man sagt auf Greifenstein, Die Nonnen singen, denn aus den Trümmern eines Nonnenklosters ist das Schloß entstanden. Auf seinen spätromanischen Gewölben steht heute der Renaissancebau. Der Kollege hatte dieses verträumte Märchenschloß wahrend eines Kuraufenthaltes in Bad Kissingen kennengelernt. Unser Schriftsteller war nun neugierig geworden und fuhr noch in derselben Nacht mit dem D-Zug Berlin - Stuttgart bis nach Ebenhausen/Mainfranken, um dort die Nebenbahn bis nach Bad Kissingen zu nehmen. Dort angekommen, interessierte ihn gar nicht der berühmte Badeort, sondern er fuhr nach kurzem Aufenthalt weiter nach Hammelburg. Dort zog es ihn richtiggehend aus dem Zug, durch die alte Stadt hindurch, über eine alte Brücke und vor ihm schaute ein altes Schloß ins Saaletal hinab. Es war aber nicht das Schloß seiner Visionen und er fragte einen Spaziergänger, ob das wohl Schloß Greifenstein sei und er bekam die Antwort, nein, das wäre Saaleck, er müsse den Berg hinauf und weiterlaufen.
Steil führte die Straße empor, das Plateau bildete eine Wiesen- und Ackerlandschaft. Ein schmales Sträßlein lenkte ihn durch einen Ort mit dem seltsam klingenden Namen Hundsfeld, von wo aus es etwas steiler bergab ging. Plötzlich stieg über Baumkronen, äckern und Weiden die Spitze eines Kirchturmes wie ein Pfeil empor. Langsam schritt er den Geräuschen des Dorflebens entgegen, was da war an Viehgebrüll, Hundegebell, Knarren erntebeladener Wagen. Hinter Blätterwerk versteckt, entdeckte er auch das Schloß seiner Träume. Es war ein friedlicher Aufstieg, durch Rosengerank hindurch, an Blumenterrassen vorbei, bis er vor dem Schloß selber stand. Zwei Turmvorbauten mit schieferbedeckten Dächern gaben dem erhabenen Bau ein eher mildes, fast lustiges Aussehen, wirkten doch die Bedachungen wie Landsknechtshelme. An einem Turm befand sich ein Balkon und der Betrachter mußte lächelnd feststellen, daß das Geländer aus 24 Gewehrläufen errichtet wurde. Die 24 Gewehre der alten Armee der reichsunmittelbaren Ritterschaft Bonnland, Greifenstein, Hundsbach, die Säkularisation hat sie hinweggefegt. Der Besucher drehte sich etwas erschrocken um und sah sich einem seltsamen Führer gegenüber, als den dieser sich vorstellte. In einen dunklen Talar gehüllt, mit einer weißgepuderten Allongeperücke den Kopf bedeckt, zeigte er ein Gesicht, welches runzelübersät ebenso weiß wie Puder war.
Er führte den Besucher durch ein Rundportal, über dem ein altes Wappen aus Sandstein herabschaute. Im Hof trennte eine Mauer mit Muschelzinnen den Gast von dem eigentlichen Eingang zum Schloß. Knarrend öffnete sich das schmiedeeiserne Tor, dann eine Tür und man trat ins Schloß. Das Dämmerlicht eines Ganges ließ Rokokokoffer, Eisentruhen und Schranke voller Steinzeug und Fayencen erkennen. Dazwischen eine alte Flurkarte mit der Betitelung Reichsunmittelbares Rittergebiet Bonnland .
Am Ende des Ganges schillerte etwas Licht durch Butzenscheiben. Der Führer öffnete eine niedere Tür, ein ebenso niedriges Gewölbe wurde sichtbar, die Halle. Kesselpauken der alten reichsritterlichen Armee Bonnland standen da neben Kriegsfahnen, während der Boden mit Fellen und Perserteppichen bedeckt war. überall durch das Erdgeschoß ziehen sich jene riesigen Säle, die meistens als Wirtschaftsräume genutzt wurden. Schon Emilie von Gleichen-Rußwurm, die Tochter Schillers hat hier gewirkt , ließ sich der Führer vernehmen. Da wußte der Gast, was ihn hierher gezogen hatte und wo er sich befand. Stätten zum Andenken Schillers in Weimar und in Marbach am Neckar kannte er und waren der breiten öffentlichkeit bekannt. Jedoch hier, abseits der breiten Wege, befand sich ein Ort, der einer der intimsten, stimmungsvollsten Erinnerungsstätten für Schiller war. Der seltsame Führer öffnete die Tür zur ehemaligen Hauskapelle. Hier stand der Schreibtisch, an dem Schiller sein Lebenswerk geschrieben hat. Noch lag seine Schreibmappe darauf, deren oberer Rand die Worte trug: Horenexemplare: Goethe, Meyer, Humboldt . über dem Schreibtisch hing das berühmte Gemälde des Dichters von Dora Stock. Ein Bibliotheksschrank Schillers war noch vorhanden, seine Kostbarkeiten, die Wieland'sche Shakespeare-Ausgabe, mit der Schiller den englischen Meister studierte, Kants Kritik der reinen Vernunft , mit mancher unterstrichenen Zeile und manchem Merkzettel von der Hand des Dichters und Robertsons Geschichte von Schottland , nach deren Grundlagen Maria Stuart entstanden ist. Manche Handzeichnung von Goethe befand sich noch hier, wie viele persönliche Gerätschaften Schillers, in einer Vitrine eine zeitgenössische Miniatur Maria Stuarts in Gold gefaßt, die ein englischer Verehrer dem Dichter für sein Schauspiel sandte. Daneben Schillers Verlobungs- und Trauringe, Medaillons mit seinen Locken, die Schnupftabakdose mit der Silhouette seiner Gemahlin, seine Uhr und der Ring, mit dem er auf seiner Flucht aus Stuttgart mit Dr. Ritter siegelte und. der Siegelring mit dem Homerkopf, dessen Abdruck die Braut-Briefe tragen. In einem großen Barockschrank, der aus der alten Boxbergerschen Hofapotheke zu Kissingen stammte, befanden sich weitere Andenken: die Schnallen seiner Schuhe, seine Spielkarten mit den Gestalten seiner Dramen, die ihm sein Verleger Cotta zum Geschenk gemacht hatte, die Geldbörse, das Band, mit dem sich der Dichter bei Kopfweh die stechenden Schlafen umwand. Antike Fundstücke von Goethe zahlten zu den weiteren Kostbarkeiten.
Da lag auch noch die letzte Feder Schillers. Lang und spitz war der Gänsekiel geschnitten, welche Gedanken mögen die nervöse Hand des Dichters mit ihr zu Papier gebracht haben? Arbeitete er mit ihr an dem Geisterseher, den er unvollendet ließ? Der Gast blickte den alten Führer etwas ängstlich an, als dieser ihn in die Raume des Obergeschosses führte. Hier hauste jener von Gleichen-Rußwurm, der den alten Wehrturm als Bibliothek umbaute, nichts als Buchrücken waren zu sehen. War es der Friede diese stillen Schlosses Greifenstein, daß seine Bewohner so in sich selbst vertiefte Grübler und Schöpfer wurden. Dieser Wilhelm von Gleichen war nicht nur Naturforscher und Botaniker, sondern auch ein Pionier besonderer Bedeutung, er führte in Franken die Kartoffel ein. Jetzt erinnerte sich der Schriftsteller auch an Notizen einer Schillerbiographie, wo es hieß:
1793 besuchte Friedrich Schiller mit seiner Gattin Charlotte das Schloß in Bonnland auf der Reise von Weimar nach Marbach und Stuttgart, wo Lotte ihre Niederkunft abwarten sollte. Karoline von Wolzogen, die Schwester Lottes, lebte viele Monate auf Schloß Greifenstein, während dem sich die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Familien immer enger gestalteten. Als auf Greifenstein Adalbert geboren wurde, der später Schillers jüngste Tochter heiraten sollte, übernahm der Dichter die Patenschaft . Er schrieb nach Schloß Greifenstein:
Mein Herz ist bei Ihnen. Urteilen Sie daraus, wie innig es mich freut, daß Sie mich durch ein neues und so liebes Band an mich knüpfen wollen. Mochte ich es erleben, Ihrem Sohne einmal etwas zu sein und den Namen seines Paten wirklich zu verdienen.
Dies wollte er seinem Führer mitteilen, als er feststellen mußte, daß er ganz allein in dem Turmzimmer stand. Der blaue Sommerhimmel hatte sich auf einmal verfinstert und an die Butzenscheiben des Turmzimmers tanzten Schneeflocken. Ein seltsames Singen klang durch die Räume des Schlosses, als der Gast die Treppen hinabeilte. Als er ins Dorf gelangte, läuteten die Glocken der Kirche. Sie läuteten eine Zeit ein, die all das zerstören sollte, von dem er einen Teil durch seltsame Umstände hatte sehen dürfen. Die Unkultur legte bereits ihre Minen aus und er sah es nicht, als er sich noch einmal umwandte gen Bonnland.
1937 wurden die Gemeinden Hundsfeld und Bonnland bei der Vergrößerung des Truppenübungsplatzes Hammelburg abgesiedelt. Das alte Hundsfeld ist heute längst verschwunden, Bonnland jedoch erhalten geblieben. Das Dorf wurde sogar nach dem Krieg mit Heimatvertriebenen erneut besiedelt. Beim Wiederaufbau der Bundeswehr wurde es endgültig abgesiedelt und dient den Truppen heute als übungsplatz für den Häuser- und Straßenkampf. Der öffentlichkeit ist das Gebiet verschlossen. Unerlaubtes Betreten ist lebensgefährlich, da auch mit scharfer Munition geschossen wird. Da Unvernünftige immer wieder das Sperrgebiet an Wochenenden betraten, wurde die Landespolizei von der Bundeswehr beauftragt, dort Streifendienst zu tun. Trotz der deutlichen Spuren der Nahkampfübungen liegt das Dörfchen idyllisch in dem engen Talkessel. Die Fenster der Hauser sind mit Laden verschlossen oder mit Brettern vernagelt. In der Ortsmitte fuhrt ein Weg links ab zum Schlo8 und auf der rechten Seite befindet sich die Kirche, im Hintergrund der Friedhof. Durch einen alten Fachwerkbau, dem ehemaligen Pfarrhaus, führt ein Tor hindurch. Treppen führen hoch zu einem weiteren Tor, welches in den Eingang zum Friedhof mündet. Am Eingang ist ein Schild angebracht
Soldaten ehrt und schützt diesen Friedhof, der Kommandant
So blieb dieser Gottesacker eine friedliche Oase. Alle Gräber sind gepflegt und da einen nur die unheimlich anmutende Stille des ganzen Ortes an die tatsächliche Situation erinnert, konnte man meinen, die Bauern wurden sich alle auf ihren Feldern aufhalten. Und jeden Augenblick konnte ein altes Fräle die Treppen heraufschlurfen, mit einer Gießkanne in der Hand, um das Grab ihrer Lieben zu pflegen. An der Friedhofsmauer, hinter Hecken verborgen, die Gruft der von Gleichen-Rußwurm. Hier weiß man sich also an der letzten Ruhestätte der Nachkommen Schillers. Und mögen wir uns auch an des Dichters Worte aus den Räubern erinnern, "was soll der fürchten, der den Tod nicht fürchtet", diese Stätte stimmt einen friedlich. Er konnte es nicht wissen, daß hier einmal seine Tochter ihre letzte Ruhestätte finden wurde. Hat eine Vision dem Dichter die Worte in den Sinn gegeben, die so gut auf diese Bonnländer Familiengruft der von Gleichen-Ru8wurm passen?
Lebe wohl, geliebter Boden!
Von der süßen Heimat fern
Folgen wir dem fremden Herrn.
Ach wie glücklich sind die Toten!
Auf einem Kalksteinfelsen erhebt sich das Schloß Greifenstein ob Bonnland, wie es früher die Bewohner nannten. Keine breite Freitreppe fuhrt vom Ort aus hinauf, sondern verspielt angelegte Steinstufen. Es war ein einfaches Landschloß, was hier die von Gleichen-Rußwurm bewohnten und gerade deshalb von besonderem Reiz. Barock ist seine Anlage, ein Turmerker schaut auf das Dorf hinab, mit Schiefer ist die bizarre Haube bedeckt, wie das gesamte Dach des Schlosses. Der Verputz bröckelt von den Wanden und deckt die verschiedensten Anstriche auf, die der Bau im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat. Der Vorplatz ist mit alten Ahornbäumen umgeben, deren äste wie seltsame Spukgestalten in den Himmel starren und auf das Rundbogentor weisen, über welchem das von Gleichen-Rußwurmsche Allianz-Wappen angebracht ist. Alle Fenster sind mit Holzladen verschlossen, als solle so dem alten Geist, der dem Gebäude noch heute innewohnt versperrt werden, was nun in seiner nächsten Umgebung geschieht. An das Schloß schließen sich verschiedene Stallungen und andere ökonomiegebäude an, auch sie sind verlassen. Aus der Ferne grüßt der Reußenbergturm herüber. Von dort aus zog einst Philipp der Jüngere von Thüngen hierher, um das erste Schloß Greifenstein zu errichten, als die Bauern seine Burg zerstört hatten. Auch hier ist am Eingang ein Schild angebracht. Es weist auf die Baufälligkeit des Gebäudes hin. Leer stehen sämtliche Räumlichkeiten, der Stuck ist längst von den Decken gefallen.
Nur in der weiträumigen Schloßküche vermeint man im Dämmerlicht die Gestalt eines Koches zu sehen, der seine erstarrte Hand einem schlafenden Lehrjungen entgegenhält. Sollte in dieser Küche eines Tages der Knall einer mächtigen Backpfeife ertönen, werden mit einem Ruck sämtliche Fensterladen von Schloß Greifenstein aufspringen und vom Dorf drunten dringen altgewohnte Stimmen herauf: das Gackern der Hühner, das Krähen des Hahnes, das Brüllen des Viehs und die Glocken des Kirchleins werden wieder lauten und man hört das Gemurmel der Bonnländer, die sich gerade zum Kirchgang treffen. Ein neuer kunstsinniger Bayernkönig, Ludwig geheißen, wird in seiner Staatskarosse zum Schlosse hochfahren und sein Patenkind besuchen. Und Bonnland wird in einem Fahnenmeer schwimmen, weiß-blau wie der Himmel, den der Maler Ludwig von der Palette auf seine Bilder bannte. Dann ist aber auch die Zeit gekommen, daß der Münchner im Himmel alle Regierungen erleuchtet hat, nicht nur die bayrische...
Quelle: "Abseits der breiten Wege, Briefe ueber die Rhoen" von Peter Ziegler
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Alexander von Gleichen-Rußwurm