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In der Nähe der Milseburg und dem Dorf Brand lag auf einer kegelförmigen Phonolitkuppe die Stammburg des alten Adelsgeschlechts von Eberstein.
Sie hatten Besitzungen, außer im Rhöngebiet auch auf beiden Seiten der Fränkischen Saale. Später kamen Besitzungen bei Schweinfurt mit dem Hauptsitz Marktsteinach hinzu und die Burgen Brandenstein, Schwarzenfels und Steinau im Grenzgebiet der südlichen Rhön zur Wetterau zu. Die Orte Rupsroth und Gerhards, in der Nähe der Stammburg, werden wohl im 12. Jahrhundert von Rupert und Gerhard von Eberstein gegründet worden sein. - Auch die Abtei Fulda wollte sich gebietsmäßig ausdehnen und ihre weltliche Macht stärken. Schon im Jahre 1150 soll die Ebersteinsche Stammburg vom Abt Marquard erobert worden sein. Auch im Stift Fulda waren die Güter der Fürstäbte verpfändet und die adeligen Lehnsleute verteilten sich untereinander die fette Pfründe der Abtei Fulda. So erhielt der Abt Marquard nicht nur vom Papst allein die Erlaubnis, in seinem Gebiet aufzuräumen, sondern auch vom Kaiser. Er brachte die Burg Haselstein, den Sitz der Ritter von Gerlach, in seine Gewalt und warf die Besatzung hinaus, weil der Ritter von hier aus >Gewalttätigkeiten verübt hatte. Dann erbaute er selbst eine Burg an der Bieber, die er Bieberstein nannte.
Abt Marquard hinterließ natürlich einen stolzen Bericht über seine Kriegszüge gegen den alten Rhönadel. Die Eroberung oder gar Vernichtung der Burg Eberstein wurde darin aber nicht erwähnt. Ob dies aus dem schlechten Gewissen heraus geschah, weil die Vertreibung unrechtlich war, oder daß die Aufzeichnungen über die Zerstörung der Burg geschichtlich unrichtig sind, ist nicht mehr festzustellen. Nach der Familiensage sollen drei Söhne des Ebersteiners Botho wegen eines Streites um die Schirmvogtei über das Stift Fulda aus der Stammburg vertrieben und auf einen Kreuzzug nach Palästina gegangen sein. Nach der Rückkehr aus dem Heiligen Land soll der Abt die drei jedoch wieder freundlich aufgenommen und die Burg mit sämtlichen Einnahmen zurückgegeben haben.
Im Jahre 1271 lagen die Familien Eberstein, Ebersberg, Steinau und andere mit der Abtei Fulda in Fehde. Es war die zerrüttete Zeit, in der Kaiser und Gegenkaiser um die Krone kämpften. Bei einem der Kriegszüge wurde der Ritter Hermann von Ebersberg gefangengenommen. Der Abt von Fulda, Bertho II. von Leibolz genannt Fingerhut, ließ den gefangenen Ritter auf dem Marktplatz zu Fulda enthaupten. Dies brachte die gesamte Ritterschaft gegen die Abtei Fulda auf und sie vereinigten sich zu einer Verschwörung. Auf dem Spiel- oder Pfaffenberg, in der Nähe des Ebersberges gelegen, versammelten sich die Ritter und sollen nach der Sage darum gewürfelt haben, Wer den Todesstoß gegen den Abt durchführen sollte. Am 15.Apri11271 erschienen die Verschworenen in Fulda und da der Abt gerade in der Kapelle zum Heiligen Jakob ein Hochamt verrichtete, drangen sie dort ein und stießen den Abt auf ein Zeichen Gysos von Steinau nieder, als er eben die Messe begonnen hatte. Während Bertho II. von 26 Stichen tödlich getroffen am Altar verblutete, flüchteten die Verschwörer auf die Burg Steinau. Der schnell gewählte Nachfolger, Bertho III., hatte kaum sein Regiment angetreten, als er auch schon gegen die Steinausche Burg zog und die Aufrührerischen daraus vertrieb und sie verfolgte. Der Abt mit seinen Häschern traf die Ritter in Haselstein, wo sie sich gerade zum Gebet in die Kirche zurückgezogen hatten und richtete unter der Ritterschaft ein schreckliches Blutbad an, nur zwei Ebersberges blieben am Leben. Sie wurden auf kaiserlichen Befehl hin in Frankfurt gerädert.
In einer alten thüringischen Chronik, die 1599 in Mühlhausen erschien, wird dieser blutige Vorfall so geschildert:
»Anno 1271 wurde Abt Bertho in Fulda in der Sankt Jakobs Kapelle während der Heiligen Messe von seinen eigenen Untertanen erschlagen. Als die von Steinau, welche wegen dieser Tat in ihrem Wappen drei Räder mit drei Schermessern führen müssen, die von Eberstein und andere Ritter in Haselstein die Kirche ausrauben wollten, wurden sie vom Nachfolger des ermordeten Abtes mit dem Schwert gerichtet und ihre Burgen geschleift. Dort wo sie das Bündnis gegen den Abt geschworen hatten, bei Steinau auf einem Rasen, wächst noch heute kein Gras.«
Daß sie in der Kirche niedergemetzelt wurden, wird hier nicht berichtet. Die alte Geschichtsschreibung ging mit den geistlichen Herren Fürstäbten sehr rücksichtsvoll um und verschwieg gerne ihre kriegerischen Elemente. Dagegen wurde aus einem Kirchenbesuch der Ritter ein versuchter Kirchenraub, obwohl urkundlich zu belegen ist, daß die Ritter Kirchen und Klöster stets reichlich beschenkt hatten und in ihren Ortschaften auch Kirchen bauten.
Die von Steinau, Eberstein und Ebersberg wurden nach dem Abtmord völlig enteignet, die Burg Ebersberg und Schloß und Ort Poppenhausen geschleift, nur das Schloß Steinau blieb aus Rücksicht gegenüber den unschuldigen Verwandten verschont. Auch die Burg Eberstein versuchte man einzunehmen, man leistete jedoch heftigen Widerstand. Nun begann eine heftige Fehde zwischen den Adeligen und dem Fürstabt und man verwüstete sich gegenseitig das Land. Da schaltete sich der Kaiser selbst ein und ließ zu Nürnberg verhandeln, wo er auch eine Sühne zwischen beiden Parteien zustande brachte. Da aber die Streitereien noch kein Ende nahmen, rief der Kaiser die Parteien nach Oppenheim und setzte als Schiedsrichter Eberhard von Schlüsselberg, Gottfried von Bruneck und Berthold von Liebesberg ein. Sie versöhnten die alten Parteien unter den alten Bedingungen, daß sie das Haus zu Eberstein, als den Stein des Anstoßes, gemeinschaftlich niederreißen sollten, gleicherweise auch das Schloß und den Ort Brand zu befestigen übernehmen sollten und im übrigen hätten sich die Untertanen nach dem zu richten, was vorher schon in Nürnberg ausgehandelt worden war. Nun war der Augenblick gekommen, daß sich Würzburg und Fulda miteinander verbündeten. Der Bischof Berthold von Würzburg und der Abt Berthold III. von Fulda beschlossen im Jahre 1282:
»Wir wollen miteinander das Haus zu Eberstein brechen, daß weder die jetzigen Ritter noch deren Nachkommen wieder das Haus aufbauen können. Wir wollen auch miteinander Burg und Ort Brand befestigen und das Gut der Gemarkung Brand gemeinschaftlich in Besitz nehmen.«
Kaum hatten sich also die beiden geistlichen Herren, die sich sonst auch nicht gerade besonders gut verstanden, vertragen, fielen sie über den Dritten her, und zerstörten die Burg Eberstein und nahmen sich noch Burg und Ort Brand. Erst 1328 wurde das Dorf Poppenhausen an der Wasserkuppe von Heinrich von Steinau wieder aufgebaut, nachdem sich der Abt mit diesem versöhnt hatte. Er mußte jedoch versprechen, Poppenhausen nicht zu befestigen.
Die Ebersburg lag bis 1375 in Trümmern, als man auch diesem Geschlecht erlaubte, die Burg wieder herzustellen. Sie mußten sich aber dazu verpflichten, die Burg von Fulda als Lehen zu empfangen und an keine anderen Adeligen zu verkaufen.
Die Herren von Eberstein erhielten nun auch einen Teil ihrer reichsunmittelbaren Herrschaft zurück, mußten sie aber Fulda als Lehen auftragen und bauten sich ein Schloß in Schackau. Das Schloß zu Schackau ging später an die Herren von Rosenbach über und gehört heute zum Fideikommiß Guttenberg.
Nach diesen Ereignissen wurden die Herren von Eberstein etwas zahmer, ja man kann sagen frömmer. Sie erhielten das Würzburger Marschallamt, 1235 erschien Georg von Eberstein unter den Edlen zu Würzburg auf einem Turnier, und 1267 wird Eberhard von Eberstein bei seiner Wahl zum Domherrn des Hochstifts Würzburg als "des edlen Mannes Otten von Eberstein Sohn" aufgeführt. Es ist anzunehmen, daß die Ebersteiner so gefürchtet waren, daß man ihnen mit solchen Ämtern einfach den Mund stopfte und auch noch etwas Honig herumschmierte. Sie waren immerhin Mitglieder der reichsunmittelbaren Ritterschaft der Kantone Rhön-Werra und Baunach und die teilweise Aneignung ihrer Gebiete durch die geistlichen Herren war nicht ganz auf dem Wege der Legalität erfolgt. Die Familien von Eberstein und Ebersberg, genannt von Weyhers und Schneeberg, führten in ihrem Wappen die Streitangel, die Fränkische Lilie genannt. Es ist anzunehmen, daß die Ebersberger und die Ebersteiner einer Sippe entstammten. Die Burgen und Schlösser Eberstein, Ebersberg, Poppenhausen, Schneeberg und Weyhers lagen so nah beieinander, daß man sich zu Fehdezeiten gut decken und unterstützen konnte. Besaßen die Ebersteiner und Ebersberger die Ortschaften Schackau, Poppenhausen, Weyhers und Gersfeld als freies Eigentum, mußten sie durch die für sie ungünstig ausgegangenen Fehden den größten Teil den Fuldaern und Würzburgern zum Lehen übertragen. Die Fuldaer Äbte versuchten natürlich noch ihre Macht auszubauen und wollten die Grundherrnrechte des alten Adels selber ausführen, so daß aus dem Uradel des alten Buchonien Landsassen geworden wären, das heißt Zinsleute und Pächter, die der Gerichtsbarkeit des Landesherren unterstanden.
So richtete die >Fuldische Freye Ritterschaft in den Buchen< 1582 an den Kaiser eine Beschwerdeschrift:
Es wird versucht aus der Ritterschaft, die im Stift Fulda sitzt, nicht nur Lehensleute, sondern auch Landsassen zu machen.«
Der Kampf gegen die Stadt Hersfeld
Sogar von einem gemeinsamen Kampf der Ebersteiner mit den Fürstäbten von Fulda ist zu berichten. Die Stadt Hersfeld hatte sich ohne Rücksicht auf ihren Abt mit dem Landgrafen Hermann von Hessen gegen den >Sternenbund< verbündet, einem Ritterbund, dem auch die Ebersteiner angehörten. Der Fuldaer Abt hatte sich deshalb mit den Sternern, darunter der Ritter Heinrich von Eberstein, zur Unterjochung von Hersfeld verbunden. Einer der Ritter sandte der Stadt jedoch einen offenen Fehdebrief, um so seine Ehre zu bewahren, die er durch einen heimtückischen Überfall zu verlieren glaubte und warnte und rettete hiermit die Stadt. So verwüstete der Abt mit Hilfe der Ritter die Umgebung Hersfelds und die Bürger taten es mit den benachbarten Stiftsdörfern. Die Stadt erhob Klage am kaiserlichen Hofgericht zu Prag auf Schadenersatz, daraufhin wurden am 3. 9. 1378 in Acht erklärt: die Ritter Eberhard und Gerhard von Buchenau, Heinrich von Eberstein, Friedrich von Ebersberg, Heinrich von Weyhers, Simon und Heinrich von Hune, Wernher und Konrad von Falkenberg, Heinrich und Engelhard von der Tann, Otto und Eberhard von Buchenau, Kunz, Johann und Reyner von Falkenberg, Apel von Hune und Lamprecht von Neter. Am 23. 11. 1378 verurteilte das Hofgericht den Abt zur Zahlung einer Entschädigung von 1000 Mark in Gold an die Stadt und die Ritter zur Zahlung von 400 Mark in Silber. Zur Sicherheit wurden der klagenden Stadt die Güter und Einnahmen des Stiftes und die Güter der Ritter verpfändet. Über die Schulden des Würzburger Bischofs Johann bei dem Ritter Dietz von Thüngen war schon die Rede. Bis zum 10. 3. 1405 war der Bischof auch Hermann von Eberstein 400 Gulden schuldig geblieben. Graf Friedrich von Henneberg hatte dem Bischof diese Summe vorgeschossen und an den Ebersteiner ausgezahlt. Am 26. 2. 1413 quittierte Hermann von Eberstein dem Bischof über 100 Gulden von 2100 Gulden Kapital, ferner am 20.3.1415 über 200 Gulden Zins und 100 Gulden Kapital, kurz vor seinem Tod aber über 200 Gulden Zins von den selbst ihm damals noch schuldig gebliebenen 2200 Gulden Kapital! 1443 wurden die Ebersteiner mit dem Schlosse zu Marktsteinach bei Schweinfurt beliehen, in dessen alleinigen Besitz bereits 1430 die Brüder Karl und Gerlach von Eberstein gelangt waren. Gerlachs ältester Sohn Asmus hatte am 22. 12. 1450 den Edelleuten und Bauen in Maßbach das Vieh wegtreiben lassen. Daraufhin sammelte der Bischof 5000 Mann, die das Schloß Marktsteinach einnahmen. Durch Vermittlung des Bischofs Anton von Bamberg wurden Zwietracht, Forderung, Fehde und Feindschaft« beigelegt. Die Ebersteiner sollten in den nächsten Monaten nach Würzburg reiten und ihren Teil an dem Schloß Marktsteinach in Empfang nehmen und dafür die Lehenspflicht unterschreiben.
Asmus auf Marktsteinach
Auch Asmus war sehr fehdelustig und hatte viele Händel und Streitigkeiten mit den Bischöfen von Bamberg und Würzburg, dem Erzbischof von Mainz, den Städten Nürnberg und Rothenburg ob der Tauber, den von
Bibra und von Zollner, und nahm noch an den Kriegen des Markgrafen Albrecht Achilles und des Herzogs Wilhelm von Sachsen teil!
Von der Erstürmung des Schlosses Marktsteinach war schon die Rede, woraufhin die Brüder Asmus und Wilhelm die von Bibra bekriegten, Bartholomäus von Bibra lud die Ebersteiner deshalb vor das Westfälische Gericht.
1436 war Erasmus von Eberstein dem Rat zu Nürnberg >abgeklagt<.
"Er ist in ein Dorf, Kost genannt, gewalttätig eingefallen mit 40 Pferden, hat fünf Mann festgenommen und alles Vieh weggetrieben"
Im Juli 1456 hat Asmus das Erzstift Mainz mit Brand und Raub hart bedrängt. Markgraf Albrecht von Brandenburg legte am 12.8.1457 die Fehde zwischen Rothenburg und Asmus bei. im Herbst 1474 zog Asmus mit den Truppen des Herzogs Wilhelm von Sachsen gegen Karl den Kühnen von Burgund.
Mangold von Eberstein auf Brandenstein, der wohl streitbarste Ritter aus dem alten Rhöner Adelsgeschlecht
Mangold hatte sein Sach mit dem Reiten in guter Achtung, führte stets die Armbrust und war ein langer, zäher Mann, ernstlich mit einer schneidenden Red und wohl beredt. Weben einer Fehde mit der Reichsstadt Nürnberg in den Jahren 1516-1522 wurde Mangold von Kaiser Karl V. in die Reichsacht erklärt und fiel 1522 bei der Belagerung von St. Wendel, während des Kriegszuges Franz von Sickingens gegen den Kurfürsten von Trier.
Diese Zeit unmittelbar vor dem Bauernkrieg und die rechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse im deutschen Reiche hat Louis Ferdinand von Eberstein in jahrelanger Arbeit erforscht.
So sind wir über die Fehde seines Ahnherrn, des Mangolds zum Brandenstein bestens unterrichtet.
Hans von Hammerstein schrieb nach diesem Quellenwerk die Romane
"Ritter, Tod und Teufel" und "Mangold von Eberstein".
Ein Handlungsplatz des Romanes isr die Roßmühle bei Weikersgrüben, zwischen Hammelburg und Gemünden. In einem Nachwort zu seinen Romanen schildert der Autor die schon 1922 beginnende Veränderung der Landschaft durch die Technik im abgelegenen Tal der fränkischen Saale, wenn dies uns auch heute, die wir schwerwiegendere Eingriffe in die Landschaften gewohnt sind, harmlos vorkommen mag.
Die Roßmühle stand zuvor am linken Saaleufer, wie die Inschrift über der Tür besagt:
Ich bin an meines stat nicht blieben
im jar sechszehnhundert zeen und sieben
man nach Christi geburt geschrieben
Neidhart von Thüngen Gott vertraut
mich jenseits flußherüber gebaut.
Sie ist ein ganz köstliches Bauwerk mittelalterlicher Stimmung, das Frachtstück einer deutschen Mühle. Gott erhalte sie! Als ich zuletzt 1921 dort war, fand ich Ingenieure in der Mühle sitzen, die den Wasserkräften der lieben so deutsch und beschaulich fließenden Saale nachspürten. Ade, schöne Roßmühle! dachte ich mir. Das nächste Mal finde ich an deiner Statt vielleicht schon ein Turbinenhaus, eine Talsperre und einen zementglatten Werkskanal. (Was würde der Autor wohl heute sagen, wenn er dieses reizvolle Stück Saalelandschaft verstellt sehen würde mit hunderten von Campingwägen, diesen Utensilien modernen Freizeitzigeunertums?)
Den Sodenberg hat ohnehin schon der Teufel geholt, indem man aus ihm einen Basaltbruch machte. Und schwarze Schlöte starren an Stelle der Türme, die Götz von Berlichingens Jugendstreiche und "Affenreuterei" sahen.
(Heute befindet sich anstelle der Burg Kilianstein auf dem Sodenberg ein riesiger Krater. Das Basaltvorkommen ist bis auf den Fuß des Berges ausgebeutet.)
Kehren wir noch einmal zurück in die Zeit der Fehden, diesem Mittelding zwischen Duell und Krieg, wo bei der geringsten Beleidigung oder Verletzung die Erklärung an den Gegner abgegeben wurde, daß man nicht nur sein, sondern auch seiner Helfer und Helfershelfer Feind sein wolle. Nach dem Aufkommen und der Weiterentwicklung der Schußwaffen war die alte Form des Rittertums zum Sterben verurteilt, was aber keiner der trutzigen Recken wahrhaben wollte.
"Noch immer sehen wir die kriegerischen Reitersmänner, mit Pickelhaube und Krebs geharnischt, die gespannte Armbrust vor sich her, die wohlbekannten Raine durch das Feld entlang reiten, die Haltstätten wahrnehmen, in den Wäldern Tag und Nacht lauern, bis der Feind, den sie suchen, erscheint, oder der Warenzug der Stadt, mit der sie in Streit liegen, die Straße daher kommt.
Nach einem in der Regel leichten Sieg, da ihr Angriff unerwartet geschieht, kehren sie dann von Gefangenen umgeben, mit Beute beladen zurück in die engen Behausungen ihrer Burgen, wo sie nicht eine Stunde weit. reiten können ohne wiederum des Feindes gewärtig zu sein, wo sie sich nicht ohne Harnisch auf die Jagd zu gehen getrauen, unaufhörlich kommen und gehen die Knappen, die heimlichen Freunde und Spießgesellen, bringen Hilfegesuche oder Warnungen und erhalten eine ewige Unruhe: die Nacht·hört man die Wölfe im nahen Forste heulen."
Leopold von Ranke (1795-1886) schildert in seinem Werk »Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation« diesen >Lebensstil<.
Vorspiel zur Fehde zwischen Mangold und der Stadt Nürnberg
Leonhard Odheimers Witwe Agathe war in ihrem Sitz Farrenbach von Nürnberger Untertanen überfallen und beraubt worden. Die Witwe, welche bei verschiedenen Nürnberger Angehörigen nicht unbedeutende Geld forderungen hatte, begab sich mit ihrer Tochter Helene in den Schutz; Mangolds von Eberstein. Er nahm sie auf seiner Burg Brandenstein auf die in der Nähe des Steckelberges des Ulrich von Hutten lag. (Anstelle der Mangoldischen Burg steht heute das Schloß Brandenstein. Es liegt an der Bahnstrecke Gemünden (Main) - Fulda, in der Nähe von Elm. Die Ruinen der Steckelburg liegen auf einem Berg im Park des Schlosses Ramholz einem Besitz des Freiherrn von Kühlmann-Stumm.) Mangold von Eberstein sendet nun einen Boten nach Nürnberg und verlangt in einer schriftlichen Aufforderung, die Ansprüche der Odheimerin innerhalb von vier Wochen zu befriedigen. Der Rat der Stadt behauptet aber, >er lege seine Sichel in einen fremden Schnitt, weil die Odheimerin Bürgerin der Stadt Nürnberg sei und die Sache je nach Mangolds Belieben vor den Kaiser, das Kammergericht, den Ausschuß des schwäbischen Bundes, den Bischöfen von Bamberg oder Würzburg, den Markgrafen von Brandenburg oder vor die fränkische Ritterschaft zu bringen sei<.
1519 erfolgte die Eröffnung der Fehde durch die Odheimerin. Mangold übernahm sofort die praktische Durchführung der Fehde mit seinen Verbündeten, unter anderen die Hutten von der Steckelburg, den von Thüngen, von der Tann und den Voiten von der Salzburg, und nahm Nürnberger Untertanen gefangen, die hauptsächlich nach dem Brandenstein gebracht wurden.
Das in Nürnberg fungierende kaiserliche Regiment erklärte die Fehde jedoch für unbegründet, so wurden Mangold sowohl wie Agathe Odheimer in die Acht getan und dem Hauptmann des fränkischen Kreises, dem Grafen Georg von Wertheim, der Befehl gegeben, Mangold zu bekriegen und dessen Habe und Güter einzuziehen. In der Karwoche 1522 nahm der Graf den Brandenstein ein, der jedoch ohne Besatzung war. Mangold hatte sich mit seinen Verbündeten auf die festere Steckelburg zurückgezogen, die ihm als Waffenplatz zur Verfügung stand. Am 26. 4. 1522 gebot Kaiser Karl V. dem Bischof Konrad zu Würzburg, erforderlichen Falls dem Wertheimer gegen Mangold zur Hilfe zu kommen.
Von der Steckelburg aus begab sich Mangold von Eberstein zu Franz von Sickingen, der ebenfalls von mannlich, ehrlich und trutzigem Gemüte war<.
Es sieht aus wie das tragische Ende eines Don Quichotte, daß in einer der letzten Ritterfeldzüge des ausgehenden Mittelalters, Mangold von Eberstein, von einem Schuß getroffen, den Tod fand.
Wollen wir abschließend einen Blick in die Berichte der Nürnberger werfen, die das Pech hatten, bei Mangold und seinen Häschern in Gefangenschaft geraten zu sein.
Die ersten Opfer waren Steffan Geyger und Sygmund Heckel
Sie befanden sich auf dem Weg von Bamberg nach Neunburg, als sie von vier Reitern anbehalten wurden. Als sie nach ihren Namen gefragt wurden und woher sie kämen, antworteten sie, daß ihr Heimatort Nürnberg sei. Die Reiter sagten daraufhin: »Ihr müßt mit uns zu unserem Hauptmann reiten.« Als sie auf Brandenstein angelangt waren, kam die Odheimerin zu ihnen, um zu schauen, ob sie ihre Landsleute kennen würde. Sie kannte sie nicht, nun kam Mangold von Eberstein zu ihnen und sagte, man wolle keine Schatzung (wie die Geldforderung für die Auslösung genannt wurde) von ihnen, sie sollten aber dem Rat der Stadt Nürnberg schreiben, daß die Odheimerin zu ihrem Vertrag kommen würde. Sie antworteten, daß dies nicht in ihrer Macht stünde und boten 100 Gulden Schatzung. Damit war man aber nicht zufrieden und am anderen Tag erschien Mangold und verlangte 1000 Gulden und ritt anschließend nach Frankfurt zur Königswahl, das war am 28.6.1519. Nach sechs Tagen kam er wieder und setzte den Betrag auf 600 Gulden herunter, wenn sie die Summe nicht zahlen würden, würde er sie beide ins Gefängnis werfen. Sie handelten den Betrag auf 550 Gulden herunter und die Odheimerin war währenddessen mit ihrer Tochter in einer Kammer nebenan gesessen und hätte geweint. Sie hätten sie sagen hören: »Daß es Gott erbarm, daß die armen Leut so viel Geld zahlen müssen und ich und du doch nichts davon bekomme.«
Den Heckel ließen sie zum Geldholen nach Frankfurt laufen, wo er auch bei einem Juden 600 Gulden beliehen bekam, weil er einen Bürgen bringen konnte.
In einem Wald bei Gelnhausen übergab er dann an vier Reiter des Mangold die 550 Gulden.
Endres Koler, Ringmacher, Bürger zu Nürnberg, sagt aus:
Am 19. September 1520 bin ich mit zwei Nürnbergern, Hanns Schwenttendorfer und Hanns Richter, auf dem Rückweg von der Frankfurter Messe gewesen. Bei Würzburg hielten uns vier Reiter an, die uns nach dem Woher und Wohin fragten, als wir antworteten, wir kämen von Frankfurt und wollten heim nach Nürnberg, nahmen sie uns gefangen. Sie durchsuchten unsere Ranzen und nahmen uns das wenige Geld ab, was sie fanden. Dann wurden wir zusammengebunden und mußten zwischen den Pferden mit ;ihnen gehen. Auf dem Weg kamen wir zu einem kleinen Wald, wo die Reiter anhielten. Der Edelmann unter den Vieren sagte zu uns: Nun gebt her, was ihr habt, wer es nicht tut, dem wird es nicht gut gehen, wenn wir etwas bei ihm finden.« Der Schwenttendorfer warf ihnen ein kleines Säcklein voll Geld zu. Der Richter mußte seinen Rock ausziehen und wurde ebenfalls aufgefordert, sein Geld herauszurücken. Dann verlangten sie auch von mir Geld und ich sagte ihnen, daß ich ein armer Kerl sei, worauf sie meinen Bündel öffneten und einundeinhalb Gulden fanden. Sie teilten sich das Geld, es waren zehn oder zwölf Gulden gewesen. Die Reiter teilten daraufhin mit uns Wein und Brot und nach dem Verzehr sagte der Edelmann: »Tut Strick her und bindet die Gefangenen!« Sie banden uns an Bäume fest und ritten davon, zwei Fußknechte, die auf uns gestoßen waren und den Wein und das Brot gebracht hatten, bewachten uns. Einer von ihnen sagte: »Was ihr Handwerker für törichte Leut seid, daß ihr nicht untereinander einig werdet und den Rat der Stadt Nürnberg totschlagt, denn ihr seid mehr als sie und fangt ein anderes Regiment an. Als es Nacht wurde, banden sie uns los und führten uns weg. Wir kamen durch zwei Dörfer und stießen bald wieder auf die Reiter. Wir mußten jeder auf ein Roß aufsitzen und gelangten nach Stunden zu einem Schloß, welches von Wasser umgeben war (es war Schloß Zeitlofs und der Edelmann ein von Thüngen). Dort standen die Tore offen und es bellten die Hunde. Sie führten uns durch ein Tor durch den Hof, dort machte der Edelmann ein hölzernes Gatter auf und wir kamen wieder in einen tiefen Weg (Hohlweg), auf beiden Seiten Wald und es war fast um Mitternacht. Ich hatte während dieser Zeit mit den Zähnen den Strick, mit dem ich an den Reiter gebunden war, durchgebissen und ließ mich plötzlich vom Pferd fallen. Ich blieb im Wald liegen und als von den Reitern nichts mehr zu sehen und zu hören war, lief ich in den Wald hinein. Die Reiter bemerkten aber bald, daß ich fehlte und riefen: ·Hoscha, hoscha!-, ich duckte mich ins Gehölz und versteckte mich in einer Hecke, denn es regnete. Als es hell wurde, machte ich mich auf den Weg und kam bald in ein kleines Städtlein am Main. Darüber lag ein weißes Schlößchen und das hatte einen hohen Turm. Bei dem Städtlein fließen vier Wasser im Tal und alle kommen gesondert und fließen in den Main. Soweit ich mich erinnere, hieß es Gemünden und gehört dem Bischof von Würzburg. Danach kam ich in ein kleines Dörflein und fragte einen Bauern, wie weit es nach Würzburg sei. Es waren vier Meilen. In dem Dörflein, ich weiß den Namen nicht, bat ich einen Bauern, mich nach Würzburg zu führen und mir einen Kittel zu leihen, denn ich fürchtete, die Reiter würden wieder kommen und mich an meinem schwarzen Kittel erkennen. Am 23.9. kam ich nach Würzburg und gab dem Bauern einen halben Gulden Lohn (er hatte also doch noch ein Geldversteck, welches die Wegelagerer nicht gefunden hatten). Ich sagte, ich wüßte nicht, wessen Gefangener ich gewesen sei und wo meine zwei Kumpane jetzt seien. Der Bauer sagte, die wären bestimmt auf dem Reußenberg, dort würden viele Schnapphähne liegen« (die beiden Nürnberger lagen aber auf Brandenstein).
Hanns Richter und Hanns Schwenttendorfer sind tatsächlich auf den Brandenstein gebracht und dort mit Händen und Füßen in Eisen gelegt worden. Man hatte auch noch einen Schweizer Gefangenen zu ihnen gebracht und sie dann in eine Stube geführt. Dort fanden sie einen Brief mit der Anschrift: >an Mangolten von Eberstein<. Schwenttendorfer entließ man nach Leipzig, wo er 250 Gulden für ihre Freilassung aufbrachte. Nicht weit vom Rockenstuhl (Bergkegel bei Tann in der Rhön) hat er auf dem Rückweg bei einem Hufschmied übernachtet. Dort in der Nähe stand ein Schloß und daneben ein Dorf mit einem Herrensitz, dazwischen lag die Opffelmühl, bei dem Dorf Mürtz (Motzlar?) unter dem Rockenstuhl, dort. hat man ihm die Schatzung abverlangt.
Ein Brief aus dem Gefängnis zu Brandenstein
Meine freundlichen Grüß an meine liebe Hausfrau, herzlieber Sohn und Tochter, herzlieber Schwager, Heinrich und Peck, liebe Schwester, liebe Schwäger und alle guten Freunde!
Ich tue euch Kund, daß ich gefangen geworden bin von der Agata Elena Odheimerin, zu Brandenstein geführt, in Eisen gelegt und gemartert wurde, daß mir das Blut aus Händen und Füßen gelaufen ist. Ihr müßt für mich 1500 Gulden Schatzung in das Wirtshaus zu Elm bringen. Laßt euch von allen Bekannten helfen und borgt das Geld, ich muß sonst sterben. Schickt das Geld innerhalb von acht Tagen in das Wirtshaus. Helft mir, daß ich wieder heim komme zu meine ·Kindla«. Datum Se~eben zu Brandenstein am 1. 4.1521.
Am Beispiel Mangolds sieht man den unaufhaltbaren Verfall des Rittertums. Aus einer kriegerischen Klasse waren überflüssige Requisiten einer vergangenen Zeit geworden. Die von Kopf bis Fuß gepanzerten Ritter mit all ihren Waffen waren so schwerfällig, daß man zum Aufrichten eines von seinem Turnierhengst Gefallenen zwei Mann brauchte. Durch die Erfindung des Schießpulvers im 14.Jahrhundert kamen neue Waffen auf. Aber erst im 15.Jahrhundert wurden die Feuerwaffen richtig eingesetzt. Jetzt mußte die Kriegführung eine ganz andere Gestalt gewinnen. Persönliche Stärke und Tapferkeit traten zurück und die dicken Mauern einer Burg bröckelten, wenn die Kanonen ihre Steinkugeln ausspieen. Was nützte eines Ritterarmes Kraft, wenn ihm Kugeln Schild und Lanze wegrissen? Die Feuerwaffen zerstörten die Herrlichkeit des Rittertums. Die Kunst des Geschützwesens war schon so weit entwickelt, daß Kanonen Kugeln bis zu 200 Pfund Schwere werfen konnten.
Ein Reformator des Kriegswesens war Georg von Frundsberg, der die modernen Söldnerheere schuf. Den Kern der Söldner stellten Bauern, die mit Piken, Schlachtschwertern und einzeln auch mit Musketen, Harnisch, Halskragen, Arm- und Beinschienen, Blechschurz und Pickelhaube ausgerüstet waren. Neben der schweren Handbüchse kam bald die kleine Muskete auf, die alle Panzer und Ritterrüstungen durchschlug. Neben der konservativen schweren Reiterei, die noch von Kopf bis Fuß gepanzert war, kam die leichte Reiterei auf, die mit Degen, Pistolen und Karabinern bewaffnet war. Den Rest besorgten die Geschütze. Die einzige Lösung für die Ritterschaft wäre die starke Hand eines Kaisers gewesen, der ihre Kräfte erneuert und in die richtigen Kanäle gelenkt hätte. Man hoffte auf Maximilian I., der jedoch während seiner kurzen Regierungszeit, 1493-1519, die zerrüttete Lage des Reiches nicht mehr ändern konnte. In Deutschland waren Amt und Ansehen des Oberhauptes zu einem Schatten geworden und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation in einige Hundert Staaten, oder was sich so nannte, zersplittert.
Wie stets, wenn sich eine Ära zu Ende neigte, war auch das ausgehende Mittelalter durch einen Zerfall der Sitten gekennzeichnet. Man könnte sagen, daß die altdeutsche Völlerei ihren Höhepunkt erreicht hatte. Es galt als eine Heldentat, sich bei den Gelagen der Fürsten und Ritter buchstäblich unter den Tisch zu trinken. Bei allen Ständen waren Fressen, Saufen, Karten und Würfeln, Hurerei und Rauferei an der Tagesordnung. Selbst der Kardinal Bellarmin gab zu: Einige Jahre vorher, ehe Luthers Ketzerei entstand, war fast keine Ehrenhaftigkeit in den Kirchengerichten, keine Zucht in den Sitten, keine Gelehrsamkeit in der Heiligen Schrift, keine Ehrfurcht vor dem Göttlichen, ja es war fast keine Religion mehr, hingegen herrschten alle Gattungen der Laster.«
Diese Zeit mußte eine Stimme finden, die wenigstens den Versuch machen sollte, einen neuen Anfang zu finden. Ein Reformator auf dem politischen Gebiet fand sich nicht, jedoch auf dem kirchlichen: Martin Luther. Hatten sich auch in politischer Hinsicht Interessengruppen und Führer gebildet, die den deutschen Bauern aus seiner Knechtschaft herausführen wollten und die Feudalherrschaft der weltlichen und geistlichen Macht beschneiden, wenn nicht gar abschaffen wollten, der andere Arm blieb doch der stärkere.
Der »Bundschuh« und der "Arme Konrad" sammelten die erregten Horden der Bauern im Württembergischen, Florian Geyer im Fränkischen und Thomas Münzer in Thüringen, jedoch die geordneteren Heere der alten Kräfte mit ihren durchgreifenden, kaltblütigen Führern, zerschlugen den Aufstand.
Von der alten Ritterherrlichkeit überdauerten Überbleibsel, die sich auf der Stufe eines Schnapphahnes á la Eppelein von Geilingen durchs kärglich gewordene Leben schlugen.
Sebastian Brant, der schon 1521 starb, konnte das Inferno all dieser Mißstände nur voraussehen; so dichtete er in seinem >Narrenschiff<:
Die Zeit-, sie kommt, es kommt die Zeit,
der Endchrist ist nun nicht mehr weit,
horcht, lugt, o nehmt das Krachen wahr,
der Glaube, der gestützet war,
stürzt hin, die dreien Säulen brechen.«
Quelle: "Abseits der breiten Wege" von Peter Ziegler